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Italien: Der Sieg der Schlipsträger



Die Krise ist da. Sie ist mehr als nur ein kollektives Jammertal. Sie beisst tatsächlich einen dicken Happen aus der Massenkaufkraft. Wie üblich verloren die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als alle anderen, nämlich ein Fünftel ihres verfügbaren Einkommens, ermitttelte die OECD. Um zu überleben, drängeln sie sich bei den wenigen Discountern, lassen das Auto stehen und fahren Bus, Zug oder Fahrrad. Der Zahnarzt: muss warten. Die dringend notwendige Computertomografie: die Zuzahlung von 65 Euro könne sich viele nicht leisten. Möbelkauf, Kleidung, Restaurant, Kino: gestrichen.

Doch nicht allen geht es schlecht. Die reichsten zehn Prozent der Italiener haben einen Kaufkraftverlust von drei Prozent ungerührt weggesteckt. Ihre Luxusautos dominieren jetzt die verkehrsverdünnte Autobahn. Mehr als die neue Grundsteuer auf ihre Zweit- und Drittwohnungen beunruhigt sie der Wertverlust ihrer Immobilien in einem weitgehend eingefrorenen Markt. Jetzt zeigt sich, dass der angebliche private Wohlstand der Italiener hauptsächlich aus in Boomzeiten hochgerechneten Gebäudewerten besteht, die sich nun im freien Fall befinden. Wie einst in den siebziger Jahren sind die Häuserwände wieder mit Verkaufs- und Vermietungsanzeigen dekoriert.

Doch noch müssen wenige Reiche nicht wirklich verkaufen. Existenzbedrohend ist die Krise nur für die kleinen Leute: zum Beispiel für die Bauhandwerker in einem Land, das nach Jahrzehnten hemmungsloser Betonierung endlich aufgehört hat, zu bauen. Die Autohäuser, die Zahnärzte, die Einzelhändler, die Restaurants leiden oder müssen schliessen. In manchen städtischen Strassen sind vor der Hälfte der Läden die Rolladen herunter gelassen. Die Hauseigentümer versuchen, die neue Grundsteuer und andere Kosten auf die Mieter überzuwälzen. Die aber können oder wollen nicht zahlen, ziehen aus und ein neuer Mieter findet sich nicht. Hunderttausende kleiner Existenzen werden vernichtet. Das Heer der Arbeitslosen wächst. Weitere Hunderttausende Kleinunternehmer haben ein Problem mit ihrem business plan, der auf der Annahme basierte, dass Steuern allenfalls in homöopathischen Dosen gezahlt werden. Nun macht der Fiskus erstmals wirklich Druck, die Unternehmen rechnen sich nicht mehr und viele müssen schliessen. Eine Mehrwertsteuer-Erhöhung auf 22 Prozent droht weiteren Kleinunternehmen das Lebenslicht auszublasen. Italien, das traditionelle Land der kleinen Läden und Familienfirmen, verliert sein Antlitz, das so lange jeder Modernisierung getrotzt hat.

Wer jedoch meint, dass auf dem Arbeitsmarkt Italiener nun die ausländischen legalen und illegalen Einwanderer und Saisonarbeiter ersetzen, irrt. Mehr denn je zeigen sich Massen von Ausländern vor allem in den Grosstädten. Bangladeshi dominieren als Verkäufer beispielsweise den Römer Sonntagsmarkt Porta Portese — den grössten Freiluftmarkt des Mittelmeers — so stark, dass der Spottname Porta Bangalese im Umlauf ist. Mehrere in Italien erscheinende rumänische Zeitungen versorgen eine wachsende Minderheit, die vor allem durch rege Kriminalität auffällt. Insgesamt nehmen Ausländer jede Unbill in Kauf, nur um im Paradies Italien bleiben zu können, und italienische Arbeitssuchende halten den Wettbewerb nicht aus. Eine albanische Dachdeckergruppe, beispielsweise, ersetzte binnen zwei Wochen komplett das Dach eine kleinen Landhauses. Sie arbeiteten in einem durch von morgens bis abends, auch Sonntags, ohne Pause für panini, Kaffee und Zigarette, für Italiener unvorstellbar.

Will man ein grobes Fazit der Krise ziehen, so könnte man behaupten, dass sie vor allem Jene trifft, die im Alltag keine Krawatte tragen. Die Schlipsträger hingegen gehören entweder zur wohlhabenden Klasse oder zu den Gehaltsbeziehern. Wer Geld nicht erarbeiten muss sondern vorhandenes Geld verwaltet oder ausgibt, kann über die Krise nur lächeln. Alle, die Tarife festsetzen und erhöhen können, sind auf der sicheren Seite. Der Staat in seinen vielfältigen Formen, die Banken, Versicherungen, Lottoverwaltungen, Treibstoffkonzerne, Fernsehsender, Gas-, Wasser- und Stromversorger beschäftigen Horden von Krawattenträgern, die vergnügt ihrem Alltag nachgehen, der mit halbleeren Restaurants, pünktlichen Handwerkern und ausgedünntem Verkehr geruhsamer geworden ist. Nur die Supermarktpreise wollen nicht sinken, im Gegenteil, sie steigen noch. Dafür sorgt zum Teil die mächtige Obst- und Gemüsemafia, die die Inlandpreise für italienische Produkte über dem Niveau der gleichen Produkte im Ausland hält. Selbst wenn im Frühsommer die lokalen Ernten auf den Markt drängen, sehen sich Supermarktketten gezwungen, Gemüse und Obst aus Spanien, Marokko, ja selbst aus Holland und Belgien anzubieten.

Die Krise hat jedenfalls die sozialen Gegensätze markant verschärft. Sie hat eine neue Klasse der Gescheiterten geschaffen, zusätzlich zu den Arbeitslosen, dem Prekariat und den anderen Armen. Von der Linken, die sich mit der Rechten in einer grossen Koalition zusammengefunden hat, bitter enttäuscht, wenden sich die Opfer der Krise jenen Populisten zu, die Italiens Staatsschulden am liebsten streichen und alle alten Politiker zum Teufel jagen würden. Die Schlipsträger hingegen scharen sich um Altmeister Berlusconi, der das schlampige Italien erhalten will und meint, dass es auf ein paar mehr Schulden nicht ankommt. Hauptsache, die Leute fassen wieder Vertrauen in ihn, geben ihr Geld aus statt zu sparen und regen damit die Wirtschaft an.

Noch ist Italien fern von griechischen Verhältnissen. Noch gibt es keinen Run auf die Banken. Noch gibt es eine Regierung, die zwar täglich auf des Messers Schneide tanzt. Aber alle Indikatoren zeigen weiterhin abwärts. Ausser der Arbeitslosigkeit, die steigt und steigt, vor allem bei den Jungen, für die offenbar kein Bedarf besteht. Die Rezession und die beschäftigungsfeindliche Arbeitsgesetzgebung, die von den Gewerkschaften eisern verteidigt wird, sorgen dafür, dass Arbeitskräfte eher freigestellt als eingestellt werden. Für Viele ist daher eine Sprache zu lernen und auszuwandern die einzige, verbleibende Option.

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—— Benedikt Brenner